Stell dir das mal vor: Vor über tausend Jahren war das Schreiben in Japan streng hierarchisch organisiert. Die komplizierten chinesischen Schriftzeichen, die Kanji, galten als Sprache der Gelehrten und Beamten – also als „reine Männersache“. Frauen dagegen wurde suggeriert, sie hätten nicht das nötige „Kokoro“ (das japanische Konzept, das innere Haltung, Gemüt, Herz, sowie Geist umfasst), um die Feinheiten des klassischen Chinesisch (Kanbun) zu erfassen.
Ein offizielles Gesetz, das Frauen Kanji verbot, hat es nie gegeben. Aber gesellschaftlich war der Weg blockiert: Wer nicht im Staatsdienst Karriere machen durfte, brauchte nach damaliger Logik auch kein klassisches Chinesisch zu lernen. Frauen wurden dadurch indirekt von Kanji ausgeschlossen – und fanden einen eigenen Weg.
Die Geburt von Hiragana
Am Kaiserhof entstanden neue Schreibgewohnheiten: Hofdamen, die kulturell gebildet waren, entwickelten eine vereinfachte, geschwungene Variante der Kanji. Aus diesen kursiven Formen entwickelte sich Hiragana – eine Silbenschrift, die näher an der gesprochenen Sprache lag und leichter zu handhaben war. Wegen ihres eleganten, fließenden Stils wurde sie bald „Frauenschrift“ (Onnade) genannt.


Was zunächst abwertend gemeint war, verwandelte sich in ein literarisches Werkzeug von unschätzbarem Wert. Denn gerade in Hiragana verfassten Frauen die ersten Meisterwerke der japanischen Literatur.
Frauen als Pionierinnen der Literatur
- Izumi Shikibu (geboren ca. 976) hinterließ Gedichte voller Leidenschaft und Spiritualität.
- Murasaki Shikibu (ca. 973–1025) schuf mit Die Geschichte vom Prinzen Genji (Genji monogatari) den ersten Roman der Welt.
- Sei Shōnagon (ca. 966–1017) schrieb mit dem Kopfkissenbuch (Makura no sōshi) eine Mischung aus Tagebuch, Beobachtungen und Gesellschaftskritik, die bis heute fasziniert.
All diese Werke entstanden, weil Frauen auf Hiragana auswichen und sie legten damit den Grundstein für eine eigenständige japanische Literatur, losgelöst von der Strenge des klassischen Chinesisch.
Die Rolle von Hiragana in der Kultur
Im Laufe der Jahrhunderte wurde Hiragana immer wichtiger:
- In der Heian-Zeit (794–1185) war es die „Frauenschrift“, doch bald nutzten auch Männer sie für Poesie und populäre Texte.
- In der Edo-Zeit (1603–1868) wurde sich Hiragana innerhalb des Bürgertums verwendet, weit über den höfischen Kreis hinaus.
Heute ist es die erste Schrift, die japanische Kinder lernen – ein Grundstein für den Zugang zur Sprache.

Fazit
Die Idee, Frauen Kanji vorzuenthalten, entsprang reinen Machtstrukturen, nicht mangelnder Begabung. Doch aus dieser Benachteiligung wuchs etwas Neues: Hiragana wurde zum Symbol für Kreativität und zur Grundlage einer einzigartigen Literaturtradition. Was als Einschränkung gedacht war, wurde zur kulturellen Befreiung – und machte Frauen zu Wegbereiterinnen der japanischen Literaturgeschichte.
