Wenn du an “Literaturgattungen” denkst, kommen dir wahrscheinlich Begriffe wie Roman, Drama, Essay oder Lyrik in den Sinn. Diese Kategorien stammen größtenteils aus der europäischen Tradition. In Japan haben sich jedoch eigene Formen herausgebildet, die sich nicht ohne Weiteres in dieses Raster einordnen lassen.
In diesem Beitrag geht es um solche Gattungen, die in der japanischen Literaturgeschichte entstanden sind und dort eine klar definierte, eigenständige Rolle spielen, ohne dass es im Westen eine wirkliche Entsprechung gibt.
Wir schauen uns fünf zentrale Formen an – Monogatari, Zuihitsu, Nikki bungaku, Setsuwa und Kaidan – und überlegen anschließend, warum moderne Begriffe wie nekobungaku (Katzenliteratur) zwar spannend, aber keine technischen Gattungen im gleichen Sinn sind.
Was heißt überhaupt „exklusiv“?
“Exklusiv” bedeutet hier nicht, dass nur Japan Geschichten über Geister, Katzen oder Alltage schreibt. Sondern:
- Die Gattung ist in Japan entstanden,
- wurde innerhalb der japanischen Tradition benannt und reflektiert,
- und funktioniert nach Regeln oder Erwartungen, die nur aus diesem Kontext heraus wirklich verständlich sind.
Andere Literaturen kennen Tagebücher, Essays oder Anekdoten – aber Monogatari, Zuihitsu oder Nikki bungaku sind mehr als nur “Roman”, “Essay” oder “Tagebuch”. Sie sind eigene Weisen, Literatur zu denken und zu ordnen.
Monogatari – erzählte Dinge am Heian-Hof
Das Wort monogatari (物語) setzt sich aus mono („Dinge, Angelegenheiten“) und katari („erzählen“) zusammen. Wörtlich heißt es also: „das Erzählen von Dingen“. In der Heian-Zeit (794–1185) bezeichnete es eine Gattung von längeren Prosatexten, die am Kaiserhof entstanden – oft von Hofdamen in Silbenschrift (kana) geschrieben, während offizielle Texte der Männer noch in klassischem Chinesisch verfasst wurden.
Typisch für Monogatari:
- im Zentrum stehen Gefühle, Beziehungen und die feine Beobachtung von Hofritualen, Jahreszeiten und Kleidung.
- sie sind umfangreiche Erzählzyklen mit vielen Figuren und Episoden,
- Prosa und eingestreute Gedichte (waka) wechseln sich ab.
Das berühmteste Beispiel ist natürlich das Genji monogatari der Hofdame Murasaki Shikibu. Moderne Forschung nennt es gern “ersten Roman der Welt”, aber aus historischer Perspektive ist es eben ein Monogatari, keine “Novel” im westlichen Sinn.
Daher ist es wichtig zu verstehen: Monogatari ist eine Gattungsbezeichnung, nicht nur “irgendeine Geschichte”. Es markiert eine bestimmte Form des Erzählens, die aus der Kombination von Hofkultur, Schrifttradition und mündlichem Erzählen entstanden ist.
Zuihitsu – dem Pinsel folgen
Zuihitsu (随筆) lässt sich mit „dem Pinsel folgen“ übersetzen. Die Form entstand um das Jahr 1000, ebenfalls im Hofmilieu. Das klassische Beispiel ist das Makura no sōshi („Kopfkissenbuch“) von Sei Shōnagon: eine Mischung aus Listen, Beobachtungen, Anekdoten und Meinungen zum Leben am Hof. Beobachtungen, Anekdoten und Meinungen.
Charakteristisch für Zuihitsu:
- Fragmentarische Struktur: kurze Abschnitte statt durchgehender Handlung.
- Subjektive Perspektive: wie jemand die Welt sieht, hört, riecht.
- Themensprünge: von Wetter über Klatsch bis zu religiösen Reflexionen.
Im Gegensatz zum europäischen Essay, der oft argumentativ aufgebaut ist, lebt Zuihitsu von einer beweglichen, assoziativen Form. Du folgst beim Lesen dem Pinsel – oder heute: dem inneren Monolog – der Autor:in.


Nikki bungaku – Tagebuchliteratur als Kunstform
Nikki (日記) bedeutet eigentlich schlicht „Tagesaufzeichnung“. In der Heian-Zeit entwickelt sich daraus nikki bungaku (日記文学), die Tagebuchliteratur – eine Gattung, die persönliche Notizen mit bewusster ästhetischer Gestaltung verbindet.
Besonderheiten von Nikki bungaku:
- Die Texte sind für Leser:innen gedacht, nicht nur als privates Protokoll.
- Prosa steht in engem Dialog mit Gedichten, oft werden Gefühle eher in Waka als in direkter Prosa formuliert.
- Realität wird gefiltert und komponiert: Ereignisse werden ausgewählt, um eine erzählerische Linie zu bilden.
Berühmte Beispiele sind das Tosa nikki, das Kagerō nikki oder das Tagebuch von Murasaki Shikibu.
Im Westen gilt ein Tagebuch meist als „Dokument“, das später vielleicht literarisch gelesen wird. In Japan hingegen ist Nikki bungaku von Beginn an als literarische Gattung anerkannt. Das verändert, wie Autor:innen schreiben – und wie Leser:innen solche Texte aufnehmen.
Setsuwa – kurze Erzählungen zwischen Mündlichkeit und Schrift
Das Wort setsuwa (説話) heißt wörtlich „gesprochene Erzählung“. Es bezeichnet Sammlungen kurzer Geschichten, die auf mündlichen Überlieferungen beruhen und oft von buddhistischen Mönchen schriftlich fixiert wurden.
Merkmale von Setsuwa-Literatur:
- Kürze und Pointierung: eine Episode, ein Ereignis, eine Pointe.
- Häufig buddhistische Lehre oder Moral im Hintergrund.
- Darstellung von außergewöhnlichen Ereignissen: Wunder, Visionen, Begegnungen mit Geistern oder Gottheiten.
Wichtige Sammlungen sind etwa das Nihon ryōiki oder später die Konjaku monogatari-shū, die Erzählungen aus Indien, China und Japan nebeneinanderstellen.
Auch wenn Setsuwa lose mit „Anekdotenliteratur“ übersetzen werden kann, ist die Gattung enger gefasst: Sie ist eng an buddhistische Didaktik und Tempelkontexte gebunden und bildet eine Brücke zwischen Volksglauben und gelehrter Religion.
Kaidan – Erzählungen des Seltsamen und Übernatürlichen
Kaidan (怪談) bedeutet „Geschichten über das Seltsame“ – meist Geister-, Fluch- und Spukgeschichten. Als eigenständige literarische Form wurden Kaidan vor allem in der Edo-Zeit (1603–1868) populär, in einer Kultur, in der nächtliche Erzählrunden, Kabuki-Stücke und illustrierten Buchserien miteinander verknüpft sind.
Typische Elemente:
- Yūrei (Rachegeister) und Yōkai (übernatürliche Wesen) treten in Erscheinung.
- Die Geschichten verbinden Schauer, Unterhaltung und Moral – falsches Verhalten kann buchstäblich „heimgesucht“ werden.
- Das Erzählritual Hyakumonogatari kaidankai – das Spiel der hundert Geistergeschichten, bei dem nach jeder Erzählung eine Kerze gelöscht wird – verstärkt den performativen Charakter dieser Literatur.
Natürlich gibt es auch in Europa Geistergeschichten. Aber Kaidan bezeichnet eine historisch gewachsene Gattung, die mit bestimmten Ritualen, Bildtraditionen (Holzschnittdrucke und Malereien mit Geistern, yūrei-zu genannt) und sozialen Funktionen verbunden ist – etwa als indirekte Kritik an Machtverhältnissen oder als Spiegel gesellschaftlicher Ängste.

Zeitgenössische Kategorien: Warum „Nekobungaku“ kein technischer Genrebegriff ist
In der modernen japanischen Literaturkritik und im Buchmarkt tauchen viele neue Begriffe auf:
- nekobungaku (猫文学) – „Katzenliteratur“,
- iyashi-kei shōsetsu ((癒し系小説家))– „heilende/wohlfühlende Romane“,
- light novel, isekai (異世界, „andere Welt“) u. v. m.
Diese Bezeichnungen sind nützlich, um Trends oder Themen zu beschreiben, aber sie funktionieren anders als die historischen Gattungen oben:
- Sie definieren fast nie eine spezifische Form. Ein Nekobungaku-Text kann Monogatari-ähnliche Prosa, ein moderner Roman, eine Kurzgeschichte oder ein Manga sein. Entscheidend ist nur, dass Katzen eine zentrale Rolle spielen – als Figuren, Erzählerinnen oder Symbol.
- Sie entstehen oft von außen: durch Verlage, Marketing, Buchhandlungen oder Fankulturen.
- Die Grenzen sind bewusst fließend: Ob ein Text als Nekobungaku gilt, hängt mehr von Erwartung und Kontext ab als von festen formalen Kriterien.
Darum ist Nekobungaku eher eine thematische Tradition oder ein Cluster, keine Gattung im strengen Sinn wie Monogatari, Zuihitsu oder Nikki bungaku. Es sagt etwas darüber, worüber erzählt wird – nicht wie eine Geschichte aufgebaut ist.
Fazit: Gattungen als Spiegel einer eigenen Literaturlogik
Wenn du dir diese Begriffe anschaust, wird deutlich:
Japan hat nicht nur andere Geschichten hervorgebracht, sondern andere Formen, Geschichten zu strukturieren und zu klassifizieren.
- Monogatari denkt Erzählung als Geflecht von Episoden, Gedichten und Stimmungen.
- Zuihitsu macht aus scheinbar zufälligen Notizen eine künstlerische Form der Aufmerksamkeit.
- Nikki bungaku verwandelt Tagebücher in bewusst komponierte Literatur.
- Setsuwa zeigt, wie mündliche Erzählkultur und buddhistische Lehre sich gegenseitig formen.
- Kaidan verbindet Ritual, Unterhaltung und gesellschaftliche Kritik in einer eigenen Horror-Tradition.
Indem du diese Gattungen kennenlernst, siehst du japanische Texte nicht nur als „exotische Geschichten“, sondern als Teil eines eigenen literarischen Denksystems. Und vielleicht schaust du dann auch auf heutige Kategorien wie Nekobungaku oder Iyashi-kei mit anderen Augen: als lebendige, manchmal spielerische Weiterführung einer langen Tradition, Literatur über Formen zu definieren.
