In vielen Ländern gibt es Bücher mit Katzen. In Japan gibt es zusätzlich einen eigenen Begriff dafür: Neko Bungaku (猫文学), wörtlich „Katzenliteratur“.
Damit ist keine niedliche Marketingschublade gemeint, sondern eine ernst gemeinte Beobachtung aus Kritik und Forschung. Unter Neko Bungaku fasst man Texte zusammen, in denen Katzen nicht nur irgendwo im Hintergrund auftauchen, sondern die Erzählung tragen, den Blick auf die Welt lenken oder emotionale Knotenpunkte markieren.
Wenn du dich für Japan interessierst und Katzen liebst, ist Neko Bungaku eine perfekte Schnittstelle. In diesem Beitrag schauen wir uns an, woher der Begriff kommt, welche Bücher dazu gehören und warum er für unsere NEKOLLEKTION bei Makoto so wichtig ist.
Ein Begriff, der nach Spiel klingt, aber ernst genommen wird
Neko Bungaku taucht in Essays, Anthologien und Forschungsartikeln auf, wenn es um Autor:innen geht, die wiederholt Katzen in den Mittelpunkt stellen. Das können klassische Romane, moderne Novellen oder sogar experimentelle Texte sein.
Der Begriff ist keine offizielle Buchhandelskategorie. Du findest in Japan keine Regale mit der Aufschrift „Neko Bungaku“. Er ist eher eine Brille, durch die Kritiker:innen auf bestimmte Werke blicken. Entscheidend ist nicht, dass „irgendwo“ eine Katze vorkommt, sondern dass die Katze
- Erzähler:in oder zentrale Figur ist,
- als Spiegel für menschliche Gefühle dient,
- oder die Grenze zwischen Alltag und Übernatürlichem markiert.
Dadurch entsteht eine Linie, die sich von der Meiji-Zeit (1868–1912) bis in die Gegenwart ziehen lässt und die zeigt, wie eng Katzen und Erzähltraditionen in Japan miteinander verwoben sind.
Im Neko Bungaku sind Katzen nicht nur Figuren – sie sind Erzählerinnen, Spiegel und Grenzgängerinnen zwischen den Welten.
Natsume Sōseki und der Klassiker „Ich bin eine Katze“
Fast jede Reise in das Neko Bungaku beginnt bei Natsume Sōseki und seinem Roman Wagahai wa neko de aru, meist bekannt als Ich bin eine Katze. Das Werk erschien 1905 bis 1906 in Fortsetzungen und gilt als satirischer Klassiker der Moderne.
Die Erzählerin ist eine namenlose Hauskatze. Sie wird eher widerwillig von einem Lehrer aufgenommen und beobachtet von da an dessen Familie und Freundeskreis. Die Katze liegt auf Schränken, schleicht unter Tischen hindurch, setzt sich in die Sonne und hört dabei zu, wie die Menschen über Politik, Literatur und die westliche Moderne reden.
Das Besondere: Die Katze spricht in einem übertrieben hohen, fast aristokratischen Sprachregister. Ihre Kommentare sind witzig, bissig und manchmal erstaunlich melancholisch. Sie nimmt die menschlichen Figuren nicht ganz ernst und nutzt ihren Randplatz, um ihre Schwächen gnadenlos offenzulegen.
Hier sind viele Zutaten des Neko Bungaku bereits angelegt:
- ein tierischer Ich-Erzähler,
- eine ironische Distanz zur menschlichen Gesellschaft,
- und der Blick auf eine Zeit des Umbruchs, in der Tradition und Moderne aufeinanderprallen.
Wer verstehen möchte, warum Katzen in der japanischen Literatur so einflussreich sind, kommt an diesem Roman kaum vorbei.


Uchida Hyakken und die Geburt einer „Katzenliteratur“
Ein zweiter wichtiger Name ist Uchida Hyakken. Er war Schüler von Sōseki und entwickelte eine ganz eigene Prosa, in der Alltagsbeobachtung, Absurdität und Erinnerung sich mischen. In vielen seiner Texte tauchen Katzen auf, manchmal am Rand, manchmal im Zentrum.
Forschungsarbeiten bezeichnen Hyakken ausdrücklich als einen der „Pfeiler des Neko Bungaku“. Seine besondere Vorliebe für Katzen und seine Präsenz in Anthologien und Studien zur „Katzenliteratur“ machen ihn zu einer Schlüsselfigur dieser Tradition.
Bei Hyakken sind Katzen oft mit einem leisen Gefühl von Fremdheit verbunden. Sie gehören selbstverständlich zum Haushalt, scheinen aber immer ein bisschen mehr zu wissen als die Menschen. Sie verstärken die Unsicherheit der Figuren oder markieren Momente, in denen die Realität einen Riss bekommt.
Zeitgenössische Stimmen: Hiraide, Arikawa, Murakami
Neko Bungaku ist kein abgeschlossenes Kapitel der Literaturgeschichte. In den letzten Jahrzehnten sind mehrere Bücher erschienen, die diese Linie fortführen und international sichtbar gemacht haben, was Katzen in japanischen Texten leisten können.
Die Besuchskatze bei Takashi Hiraide
Takashi Hiraides kurze Novelle The Guest Cat wurde zuerst in Japan veröffentlicht und später zu einem leisen Bestseller in verschiedenen Sprachen.
Ein Paar in Tokyo lebt in einem Gästehaus, arbeitet viel und redet wenig miteinander. Die Nachbarn nehmen eine streunende Katze auf, die nach und nach beginnt, das Grundstück des Paares zu besuchen. Sie kommt durch das Fenster, bleibt zum Dösen, verschwindet wieder.
Hiraide beschreibt mit viel Detail, wie der Alltag der beiden sich an die Katze anpasst:
- Futterstellen werden eingerichtet,
- Türen und Fenster bleiben anders stehen,
- Routinen verschieben sich.
Die Katze gehört ihnen nicht. Gerade dadurch wird sie zur idealen Projektionsfläche. Sie bringt Bewegung in eine Beziehung, die festgefahren wirkt, und macht spürbar, was auf dem Spiel steht, als sich die äußeren Umstände ändern.
Reisen mit Nana: Hiro Arikawas „The Travelling Cat Chronicles“
In Hiro Arikawas The Travelling Cat Chronicles erzählt die Katze Nana selbst von einer Reise mit ihrem Menschen Satoru quer durch Japan.
Auf den ersten Blick ist es eine charmante Road-Novel: Van, Landstraßen, Besuche bei alten Bekannten. Je weiter du liest, desto klarer wird, dass unter der Oberfläche Fragen nach Freundschaft, Verantwortung und Abschied verhandelt werden.
Nana ist scharfzüngig, eigenwillig und alles andere als eine süße Dekoration. Ihre Sicht auf die Menschen ist liebevoll, aber nicht naiv. Gerade weil sie vieles nicht vollständig versteht, merkt sie, wenn Emotionen unausgesprochen bleiben. Die Katzensicht gibt der Geschichte eine Mischung aus Leichtigkeit und Schmerz, die sehr typisch für zeitgenössisches Neko Bungaku ist.
Murakami Haruki und seine rätselhaften Katzen
Auch in den Romanen von Murakami Haruki tauchen Katzen immer wieder auf. Essays und Analysen weisen darauf hin, dass sie bei ihm oft symbolische Funktionen übernehmen.
Katzen markieren in Murakamis Texten häufig Übergänge:
- zwischen verschiedenen Realitätsebenen,
- zwischen Bewusstem und Unbewusstem,
- zwischen Sicherheit und Bedrohung.
Sie sind Boten aus einer anderen Sphäre, aber ohne pathetische Erklärungen. Eine Katze verschwindet, eine andere taucht auf, und mit ihr kommen Träume, Erinnerungen oder verstörende Begegnungen in Bewegung.
Was macht einen Text zu Neko Bungaku?
Nicht jeder Roman mit einer Katze ist Neko Bungaku. Der Begriff wird vor allem verwendet, wenn mehrere der folgenden Elemente zusammenkommen.
Katzensicht als Erzählmotor
Ob als Ich-Erzählerin wie bei Sōsekis namenlosem Kater oder bei Arikawas Nana, oder als permanent fokussierte Figur wie bei Hiraide: Die Katze steht im Zentrum der Wahrnehmung.
Sie beobachtet Menschen, kommentiert sie oder zwingt sie indirekt zu Entscheidungen. Diese Perspektive schafft eine ganz besondere Mischung aus Nähe und Distanz. Du steckst mitten im Alltag der Figuren, siehst ihn aber mit den Augen eines wesens, das andere Prioritäten hat.
Spiegel für menschliche Gefühle und Übergänge
Katzen sind im Neko Bungaku häufig eng mit Veränderung verbunden:
- Umzüge, Jobwechsel, Trennungen,
- unerwartete Freundschaften,
- Trauerfälle oder Neubeginne.
In The Guest Cat zeigt die Beziehung zur Besuchskatze, wie brüchig der Alltag des Paares ist. In The Travelling Cat Chronicles spürst du über Nana, welche Abschiede unausweichlich werden.
Die Katze „löst“ diese Situationen nicht, aber sie macht sie sichtbar.

Liminale Figuren zwischen Alltag und Übernatürlichem
In der japanischen Folklore gibt es viele Geschichten über Katzen, die zu Yōkai werden, etwa bakeneko oder nekomata, alte Katzen, die sich verwandeln oder übernatürliche Fähigkeiten bekommen.
Auch wenn moderne Neko-Bungaku-Romane diese Motive nicht immer direkt aufgreifen, bleibt die Idee der Katze als Grenzgängerin präsent. Sie steht im Türrahmen, sitzt auf der Schwelle, schaut in Räume, in die Menschen nicht hineinsehen.
Die Katze ist weder voll „Haustier“ noch voll „Monster“. Sie ist ein leiser Hinweis darauf, dass die Welt größer ist als das, was Figuren und Leser:innen auf den ersten Blick wahrnehmen.
Warum Neko Bungaku für die NEKOLLEKTION wichtig ist
Für uns bei Makoto ist Neko Bungaku mehr als ein hübsches Schlagwort. Es ist der Hintergrund, vor dem wir unsere literarische Katzenspur, die NEKOLLEKTION, denken.
Wir möchten:
- Bücher auswählen, in denen Katzen wirklich erzählerische Achsen sind,
- Verbindungen zwischen Klassikern und Gegenwartsliteratur sichtbar machen,
- und Ausgaben gestalten, in denen Inhalt und Form zusammenpassen.
Sachbücher wie Katzenpfade: Japan zeigen dir, welche Rolle Katzen im Alltag und in der Kultur Japans spielen. Die NEKOLLEKTION nimmt diese Bilder auf und führt sie in die Fiktion: in Romane, Erzählbände und Novellen, in denen sich die Welt durch die Augen einer Katze verschiebt.
Unser Ziel ist, dass du beim Lesen nicht nur „eine schöne Geschichte mit einer Katze“ bekommst, sondern einen anderen Blick auf Japan und auf Beziehungen zwischen Menschen und Tieren.
Wie du in Japans Katzenliteratur einsteigen kannst
Zum Schluss noch ein paar Anhaltspunkte, wenn du Lust bekommen hast, in das Neko Bungaku einzutauchen:
- Wenn du satirische Klassiker magst, ist „Ich bin eine Katze“ von Natsume Sōseki ein guter Start.
- Wenn du leise, alltägliche Geschichten liebst, in denen eine kleine Verschiebung alles verändert, passt „The Guest Cat“ von Takashi Hiraide gut zu dir.
- Wenn du emotional dichte, warmherzige Lektüre suchst, lohnt sich „The Travelling Cat Chronicles“ von Hiro Arikawa.
Und wenn du wissen möchtest, welche Rolle Katzen in unserem eigenen Programm spielen, schau in unsere NEKOLLEKTION und in die Beiträge zu Katzenpfade: Japan. Schritt für Schritt entsteht dort eine kleine Kartografie der japanischen Katzenliteratur, in der Klassiker und neue Stimmen nebeneinander stehen.
