Silvester, Feuerwerk, Partys bis spät in die Nacht. So sieht Neujahr für viele von uns aus. In Japan fühlt sich der Jahreswechsel anders an. Das Shōgatsu genannte Neujahr ist dort das wichtigste Fest des Jahres. Geschäfte schließen mehrere Tage, Familien fahren nach Hause, die Städte werden ruhiger und es entsteht ein Gefühl von Pause im Kalender.
Statt nur die Sekunden bis Mitternacht herunterzuzählen, geht es darum, das alte Jahr bewusst abzuschließen, die Umgebung zu reinigen und das neue Jahr mit klaren Ritualen zu begrüßen. In diesem Beitrag schauen wir uns an, wie Shōgatsu heute aussieht, was hinter den einzelnen Bräuchen steckt und warum uns dieses Fest bei Makoto so fasziniert.
Shōgatsu: warum Neujahr in Japan so besonders ist
In Japan markiert der erste Januar nicht nur einen neuen Kalender. Shōgatsu steht für Neubeginn, Glück und familiäre Verbundenheit. Der Zeitraum vom 1. bis zum 3. Januar wird oft sanganichi genannt. Viele Menschen haben in diesen Tagen frei, besuchen Familie und Freund:innen und halten sich an eine Reihe von Traditionen, die zum Teil Jahrhunderte alt sind
Anders als bei uns ist Neujahr kein lautes Straßenfest. Die Stimmung ist eher ruhig. Man bleibt viel zu Hause, besucht Schreine oder Tempel und kümmert sich um Dinge, die sonst gern liegen bleiben. Der Jahreswechsel wird als Gelegenheit verstanden, innere und äußere Ordnung zu schaffen und die eigenen Wünsche für die kommenden Monate neu zu sortieren.
Shōgatsu ist in Japan eher eine stille Zäsur als eine große Party. Man feiert mit Ordnung, Symbolen und leisen Ritualen.
Abschied vom alten Jahr: Ōsōji, Ōmisoka und Toshikoshi Soba
Bevor das neue Jahr beginnen kann, muss das alte losgelassen werden. Das zeigt sich in einer ganzen Reihe von Bräuchen.
Ōsōji: die große Jahresend-Reinigung
In den letzten Dezembertagen steht bei vielen Familien der Ōsōji an, die große Jahresend-Reinigung. Fenster, Böden, Schränke und Ecken, die sonst vergessen werden, werden gründlich geputzt. Man sortiert Papierkram aus, ordnet Regale und versucht buchstäblich, Staub und Altlasten loszuwerden. Die Idee dahinter ist einfach: Wer in einer gereinigten Umgebung ins neue Jahr startet, lädt auch symbolisch frische Energie ein.
Auch Büros, Schulen und Läden werden oft vor den Feiertagen einmal komplett aufgeräumt. Der Moment, in dem der Müllsack mit den Resten des alten Jahres vor die Tür gebracht wird, fühlt sich nicht zufällig sehr befreiend an.


Ōmisoka: die letzte Nacht des Jahres
Der 31. Dezember heißt in Japan Ōmisoka. Viele Menschen verbringen ihn zu Hause mit der Familie. Ein traditioneller Bestandteil des Abends sind die Toshikoshi Soba, wörtlich die „Jahreswechsel-Soba“. Die langen Buchweizennudeln stehen für ein langes, gesundes Leben und für die Fähigkeit, das vergangene Jahr hinter sich zu lassen.
Im Fernsehen läuft der legendäre Musik-Wettbewerb Kōhaku Uta Gassen, der seit Jahrzehnten Teil des Neujahrsgefühls ist. In vielen buddhistischen Tempeln werden um Mitternacht die Glocken 108 Mal geschlagen, um symbolisch die 108 menschlichen Begierden zu reinigen, die laut buddhistischer Lehre zu Leid führen.
Der erste Januar – Osechi, Otoso und Neujahrsdekorationen
Mit dem ersten Januar beginnt der eigentliche Kern von Shōgatsu. Jetzt geht es darum, das neue Jahr bewusst zu begrüßen.
Osechi Ryōri: das Essen, das Glück verspricht
Zum Neujahr gehört in vielen Haushalten das Osechi Ryōri. Das sind festliche Speisen, die in mehrstöckigen Lackboxen angerichtet werden. Jeder Bestandteil hat eine Bedeutung.
Typische Elemente sind zum Beispiel:
- Schwarze Bohnen, die Fleiß und Gesundheit symbolisieren.
- Kleine getrocknete Fische, die für einen reichen Fang und Wohlstand stehen.
- Wurzelgemüse, das mit Stabilität und Verwurzelung verbunden wird.
Ein großer Vorteil: Das meiste Osechi wird so zubereitet, dass es mehrere Tage haltbar ist. Das gibt den Menschen Zeit, die Feiertage in Ruhe zu genießen, ohne ständig kochen zu müssen.
Begleitet wird das Essen oft von Otoso, einem gewürzten Sake, der als Glücksbringer und Schutz vor Krankheiten im neuen Jahr gilt.
Otoshidama: kleine Umschläge, große Freude
Kinder freuen sich besonders auf die Otoshidama. Das sind kleine Umschläge mit Geld, die sie von Eltern, Großeltern oder Verwandten bekommen. Mit dem Inhalt kaufen sie sich später etwas, das sie sich schon länger wünschen. Der Brauch erinnert ein wenig an unsere Weihnachtsgeschenke, ist aber klar an das Neujahr gekoppelt
Kadomatsu, Shimekazari und Kagami-mochi: das Haus schmückt sich
Auch die Umgebung wird auf das neue Jahr vorbereitet. Vor Türen stehen oft Kadomatsu, Arrangements aus Kiefer und Bambus. Sie sollen den Neujahrsgott begrüßen und symbolisieren Standhaftigkeit und Wachstum.
An Haustüren oder über Eingängen hängen Shimekazari, geflochtene Strohkränze mit Papierstreifen und kleinen Glückssymbolen. Sie markieren den Eingang als gereinigten, geschützten Ort.
Im Inneren der Häuser findet man häufig Kagami-mochi. Diese Dekoration besteht aus zwei übereinander gelegten Reiskuchen und einer kleinen Zitrusfrucht obenauf. Sie steht für Fülle und Harmonie und wird später im Januar in einem eigenen Ritual gegessen.
Viele Neujahrsdekorationen in Japan haben eine klare Aufgabe, die über „schön aussehen“ hinausgeht. Sie sollen Glück anziehen und das Haus für gute Kräfte erkennbar machen.
Hatsumōde – der erste Besuch im Schrein oder Tempel
Für viele Japaner:innen gehört zum Jahresanfang unbedingt der Hatsumōde, der erste Besuch in einem Shintō-Schrein oder buddhistischen Tempel. Er findet meist zwischen dem 1. und 3. Januar statt. Man dankt für das vergangene Jahr und bittet um Schutz, Gesundheit und Glück für das neue.
Dabei werden:
- Münzen in die Opferkästen geworfen,
- Hände geklatscht und Neujahrswünsche formuliert,
- Omamori, kleine Stoffamulette, gekauft,
- und die alten Amulette zurückgegeben, damit sie rituell verbrannt werden.
Viele Menschen ziehen außerdem Omikuji, kleine Zettel mit Orakelsprüchen, die von großer bis sehr schlechter Glücksprognose reichen können. Wer Pech zieht, bindet den Zettel meist an vorgesehene Gestelle oder Äste, damit das Unglück „dort hängen bleibt“.
Große Schreine wie Meiji Jingū in Tokyo oder Fushimi Inari in Kyōto werden in diesen Tagen von Menschenmengen überflutet. Trotzdem ist die Stimmung eher konzentriert als laut.

Hatsuyume – was dein erster Traum über das neue Jahr sagt
Neben all den sichtbaren Ritualen gibt es eine Tradition, die ganz im Verborgenen stattfindet: den Hatsuyume, den ersten Traum des Jahres.
Früher verbrachte man die Nacht zum 1. Januar oft mit Wachbleiben und Feiern. Der erste Traum galt deshalb oft als der, den man in der Nacht vom 1. auf den 2. Januar hatte. Dieser Traum sollte verraten, wie das kommende Jahr verlaufen würde.
Besonders berühmt ist ein Sprichwort, das drei Dinge aufzählt, von denen es als glücksbringend gilt, sie im ersten Traum zu sehen:
„Ichi Fuji, ni taka, san nasubi„
Erstens der Fuji, zweitens ein Falke, drittens eine Aubergine.
Der Fuji steht für Stabilität und Erhabenheit, der Falke für Schärfe und Aufstieg, und die Aubergine klingt im Japanischen ähnlich wie „etwas erreichen“. Zusammen ergeben sie ein Bild von einem Jahr, in dem man sicher steht, höher fliegt und Ziele verwirklicht.
Um gute Träume anzuziehen, legte man sich früher gern ein Bild des Takarabune, eines Schatzschiffs mit den sieben Glücksgöttern, unter das Kopfkissen. Wenn der Traum schlecht war, konnte man ihn dem Baku, einem Traumwesen, „füttern“, das schlechte Träume auffrisst
